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Tarnen und Täuschen


Bei dem Gedanken an einen matt-schwarzen 325 km/h schnellen Mercedes SL mit Flügeltüren, 600 PS und einer Abgasanlage mit der Lautstärke, bei der Fensterscheiben zerbersten, springen eine Menge Namen ins Gedächtnis. An Carlssons CK63 RS Stealth habe ich dabei gar nicht gedacht. 

Aber 200 km/h auf der Gegengerade unserer Chamberley Teststrecke zu knacken, während der Wind mein Gesicht sandstrahlt anstatt nur durch die Haare zu wehen, ist mehr als genug um alle griesgrämigen Bedenken zu vertreiben. Mit einer echten Überarbeitung wurde der SL zum allmächtigen Oben-Ohne Sportler, der schwarze Linien durch jede Kurve ziehen kann.

Dank 20 Zoll großen Rädern und Aerodynamik-Anbauteilen aus Carbon, die dem Auto wahrscheinlich keinen Anpressdruck auf Formel1 Niveau geben, aber genau so aussehen, passt auch die Optik, sofern man ein amerikanischer Rapper oder ein russischer Lude ist. 

Ebenso sieht es mit der 13.000 Euro teuren Lackierung aus. Ja, richtig gelesen, und der Gesamtpreis von über 200.000 Euro macht genau dieses Auto teurer als ein gebrauchtes McLaren Mercedes SLR Coupé. Also warum soll man zuschlagen? 

Der SL ist kein reinrassiger Sportwagen, ausgenommen vielleicht in Gestalt der Black Series. In der Mercedes-Produktpalette gibt es viel geeignetere Autos für einen völligen Wahnsinnsritt, einschließlich des allmächtigen C63 AMG. Der SL ist ein offener, komfortabler Boulevard Cruiser, der sich als Sportwagen tarnt, aber er produziert immer noch standardmäßige 525 PS in Gestalt des SL 63 AMG. 

Carlsson hätte der Einfachheit halber den stärkeren, turbogeladenen SL 65 AMG nehmen können um 800 PS aus dem Motor zu holen, aber das haben sie nicht getan. Sie bevorzugten die lineare Kraftentfaltung und Kontrollierbarkeit des  6.2 Liter großen V8. Sie deuten auch an, verständlicherweise, dass es sich dabei um mehr als genug Kraft handelt. 

Mit Hilfe von Renn-Zylinderköpfen, Luftfiltern und einer Sportabgasanlage hat die kleine deutsche Firma den V8 zu einem 600 PS Feuerspucker massiert, mit einem ordentlichen Durchzug von 705 Nm Drehmoment, was 50 Prozent über dem eines Ferrari 430 liegt. Das ist viel, wenn man mal drüber nachdenkt.  

Aber da es sich um einen Mercedes handelt, ist er nicht kompliziert. Er hat ein Automatikgetriebe, mehr elektronische Helferlein als das amerikanische Nukleararsenal und selbst ein einbeiniger Betrunkener könnte das Auto schnell fahren, ohne einen Unfall zu bauen. Man kann sich gemütlich im Sitz zurücklehnen ohne lächerlich auszusehen, das Pedal auf den Axminster-Teppich keilen und durchhalten während er fliegt – zumindest auf der Geraden. 

Die Sprintzeit auf 100 km/h von Mercedes hat Carlsson um 0,5 Sekunden gekürzt, der Stealth schafft es in 4.1 Sekunden. Sie haben auch die Zügel des Limiters durchtrennt, also mit entsprechend langem Anlauf oder einem freien Autobahnteilstück läuft dieses Auto 325 km/h, und das mit offenem Verdeck. Das ist etwas, das potentielle Besitzer unweigerlich ausprobieren werden, genau einmal, bevor sie sich entscheiden, niemals wieder ihre verhätschelten Gesichtszüge einem solchen Angriff zu unterwerfen. 

Der Motor klang gut für den Mercedes-typischen Einsatzbereich. Und im oberen Drittel der Leistungskurve war es laut genug um die Gebeine eines nahen Friedhofs durcheinander zu bringen, aber, für einen Tuner überraschend, ist Carlssons Fahrzeug leiser als das Serienmodell von Mercedes. Anspruchsvolle Kunden wollen keinen plärrenden Motorsound, außer sie verlangen ausdrücklich danach. Also entspricht Carlsson diesem Wunsch mit einem feinsinnigen Downgrade der Dezibels. Bis etwa 270 km/h, und dann hat der Wind einem die Ohren sowieso abgerissen. 

Was das Bremsen betrifft, gibt's keine Probleme dank der 398 Millimeter großen Keramikscheiben vorne, die größer sind als bei jedem anderen Produktionswagen. Selbst die Bremsen des Bentley Continental GT Speed wirken dagegen schmächtig. Die Anlage ist außerordentlich kostspielig, aber sie ist die absolut Beste und reduziert die ungefederten Massen deutlich. Wenn man mit dem Gedanken spielt, den SL auf der Rennstrecke zu bewegen, zeigen sie nicht das geringste Fading. 

Beim Mercedes SL geht's aber um das komfortable Fahrgefühl, so war es schon immer. Deswegen waren gut betuchte Menschen von vornherein bereit, sich von einem Geldbetrag zu trennen, für den auch reinrassige Sportwagen zu haben sind, und dafür einen fein gemachten GT zu kaufen.

Und während Carlsson ein sportlicheres Fahrgefühl anstrebte, wussten sie auch, dass die brandneuen Zähne der Kunden beim Fahren über Autobahnfugen nicht aufeinander schlagen dürften. 

Das  C-Tronic Federkit ist die begeisternde Antwort, 30 Millimeter wird das gesamte Auto auf marmorglatten Untergrund tiefer gelegt und arbeitet in Harmonie mit den Radsensoren um eine holprige Straße zu erkennen. Wenn dieser Fall eintritt, hebt sich das Auto in die Standardhöhe um die Unebenheiten wegzufedern. Das System verbindet das Beste aus beiden Welten und ist die Komponente, die in jeden SL gehören sollte. Mit einem Preis von etwas mehr als 1.500 Euro ist es auch noch ein Schnäppchen. 

Auf unserer Rennstrecke wird der SL auch noch vom Untersteuern geplagt, das man auch vom Standard-SL kennt. Aber hier kommt es sehr viel später und bei abgeschalteter Traktionskontrolle ist mehr als genug Leistung vorhanden, um durch die ganze Kurve zu driften.

Weil der 1.970 Kilo leichte SL eher ein Dampfhammer als ein Präzisionswerkzeug ist, macht man es am besten früh, noch vor dem Kurvenscheitelpunkt. Wenn man's einmal zu weit getrieben hat, ist es die einfachste Sache, das Gegenlenken beizubehalten, während die Elektronik regelt um einen Dreher zu vermeiden. Aber wenn der große Deutsche alles andere als gnadenlos effizient sein soll, muss man ihn schon wie einen totalen Hooligan bewegen – und das mag er gar nicht. Falls man es zu heftig anstellt, springen sogar die Überrollbügel in Erwartung eines Unfalls, der nie kommen würde, in Position. 

Der Rest des SL ist etwas schwer rechtzufertigen, weil wir uns in der Preisregion eines SLR bewegen, aber im Innenraum geht die Rechnung auf. Carlsson hat das Leder heraus gerissen, das dem normalen Mercedesbesitzer absolut vornehm genug ist, um es mit anthrazitfarbenem Alcantara und Nappaleder zu ersetzen. Vervollständigt wird der Innenraum mit Carbonblenden und Carlsson Emblemen aus Aluminium, wo immer sich ein Platz dafür finden ließ. Gut, das sind weitere 8.500 Euro auf der Rechnung, aber es verändert das gesamte Auto und man kann den Luxus im Inneren wirklich fühlen. 

Insgesamt ist Carlssons beste Arbeit das Interieur und sie haben mit dem Stealth einen großen Wurf gelandet – vorausgesetzt man verfügt über ausreichend Persönlichkeit um so viel "Bling"  zu zeigen.

Viele Teile des Carlsson CK63 RS Stealth machen absolut Sinn. Das Interieur ist überwältigend, das Fahrwerk ist nahezu perfekt und die 100 Zusatz-Pferde sind für annehmbares Geld zu haben. Aber wenn man blindwütig alles im Katalog ankreuzt, dann wird es einfach albern.

Man kann den Bentley Continental GTC, einen Aston Martin DB9 Volante oder, wenn man etwas Freches will, einen Ferrari 430 Scuderia Spider für weniger Geld haben. Wenn man von dem grausamen Wertverlust des SLR ausgeht, wird in zwei Jahren der Roadster weniger kosten als dieses Auto. Und falls man einen bekommen hat, kann man ihn für kernige 13.000 Euro lackieren lassen und er wird so "getarnt" (stealthy) sein, wie ein Epileptiker in einer Fabrik für Mausefallen, aber er wäre ziemlich cool. 

 

Was: Carlsson CK63 RS Stealth

Wo: Chamberley, Frankreich

Wann: September 2008

Wie viel: 200.000 Euro

Verfügbar: Sofort

Rivalen: gebrauchte McLaren SLR, Lamborghini Murciélago Roadster

 

Fakten:

Carlsson CK 63 RS Stealth

Motor 6.2 Liter V8

Leistung 600 PS

Drehmoment 705 Nm

Sprint 0-100 km/h 4.1 Sekunden

Topspeed 325 km/h

Verbrauch 13,5 Liter/100 Km

Co2 Emissionen 350g/km

 

Originaltext: Nick Hall • Fotos: Steven Hall • Übersetzung: M. Cehak