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Der Vulkanausbruch


Die Vögel fliehen aufgeregt flatternd aus den umstehenden Bäumen und Hunde türmen winselnd auf der Suche nach Deckung, als das Donnergrollen die idyllische Landschaft zerfetzt. Tiere wissen immer zuerst und instinktiv, wann eine Naturkatastrophe droht und bleiben keine Sekunde länger an Ort und Stelle, um sich das Ganze näher zu betrachten.

Die Leute ringsum bleiben jedoch wie angewurzelt stehen, einfach unfähig den Wahnsinn zu erfassen, der sich vor ihren Augen abspielt, als der Hamann Volcano in ihr Leben tritt, die Straße aufreisst, ihr Verständnis für Automobilbaukunst über den Haufen wirft und ihnen eine ordentliche Trommelfellmassage verpasst.

 

Mit der Zeit sind selbst die grandiosen Kurven, die raumschiffartigen Luftöffnungen und die gewagten Linien des McLaren Mercedes SLR dem autoverliebten Publikum in Fleisch und Blut übergegangen. Aber weil das Mercedes Hypercar einfach zu überirdisch ist, als dass es irgendjemand für selbstverständlich halten könnte, hat der "Sport, Leicht, Rennsport" kaum etwas von seiner Vorschlaghammer-Wirkung auf die Massen eingebüßt, seit er 2004 vorgestellt wurde. Hinzu kommt die Tatsache, dass er aus einigen Winkeln betrachtet etwas unglücklich wirkt, was den SLR davon abhielt, in einem Atemzug mit den gutaussehenden Konkurrenten Pagani Zonda oder Ferrari Enzo genannt zu werden. Also gab es sicherlich einen gewissen Raum für Verbesserungen.

 

Mercedes hat das mit dem 722 GT selbst in die Hand genommen – der ultimativen Interpretation des SLR. Beflügelt, edel geschmückt und bezaubernd, ist er ein einzigartiger Rennwagen und die Chancen einen davon auf weiter Flur zu treffen, liegen irgendwo zwischen schlecht und null. Konfrontiert mit diesem fantastischen Design und sich häufenden Kundenwünschen, entschied sich Hamann Motorsport einen eigenen, straßenzugelassenen GT auf die Räder zu stellen. Mit Leistung bis zum Abwinken und einem derart stechenden optischen Eindruck, der einen sonst nur überkommt, wenn man direkt in die Sonne starrt. 

Der Volcano ist das mehr als beeindruckende Ergebnis dieser Bemühungen.

 

Diese Interpretation des McLaren Mercedes Supercars ist aus jedem Blickwinkel einfach atemberaubend, dank seiner kontrastierenden Flächen aus mattem Weiß – in seidiger Perfektion aufgetragen – und der feinsten Kohlefaser, die man sich vorstellen kann. Es tut so gut, mit dem Finger über das Gewebe zu fahren – man muss es einfach berühren.

 

Eine Frontlippe, Seitenverkleidungen und dezente Flügelerweiterungen und -Verkleidungen fügen dem Wagen einen Hauch Muskeln hinzu und folgen dabei doch den Linien, die die Mercedes-Konstrukteure vorgegeben haben. Hamann hat dem SLR Testosteron in die Venen gepumpt und die weichen, etwas willkürlichen Winkel des Wagens verschärft und präzisiert.

 

Durch ihre Carbonhülle hinterlässt die lange, geschwungene Wölbung der Motorhaube nun einen komplett anderen und viel giftigeren Ausdruck. Natürlich tut es niemandem weh, dass der monströse, seitlich hervortretende Auspuff nun drei Endrohre trägt. Obwohl das brutale Geschöpf dadurch etwas in den Bereich einer Karikatur seiner selbst gerückt wird.

 

Am Heck bündeln ein wahrhaft monströser Diffusor und ein Spoiler in Tischgröße ihre Kräfte, um den SLR bei Geschwindigkeiten von über 320 km/h auf die Fahrbahn zu pressen. Dank der feinen Eingriffe, die Hamann am Triebwerk vornahm, wird der SLR diese Geschwindigkeiten nun öfter erreichen. Denn als ich den Daumen auf den Schaltknauf des SLR lege und den Startknopf drücke, bemerke ich einen neuen Charakterzug an diesem Wagen, einen ganz anderen – einen grimmigen und kehligen Unterton. Der kompressorgeladene 5.4 Liter V8 war schon immer bedrohlich. Jetzt spielt das Triebwerk nochmal ein ganz anderes Lied, es klingt nach Erdbeben und wildem, in brodelnder Lava köchelndem Wahnsinn.

 

Hamann programmierte das Steuergerät um, fertigte neue, durchsatzstärkere Abgaskrümmer und hob den Ladedruck des Kompressors an. Eine zusätzliche Wasserpumpe war eine notwendige Zugabe um dem Hitzetod des Triebwerks entgegen zu wirken. Dann kamen die ermüdenden Details wie die Abstimmung der Schaltelektronik ins Spiel. Hamann entfesselte 830 Nm Drehmoment (bei 3.300 U/min) und bis zu 700 PS, was gewisse Probleme für das hochentwickelte Automatikgetriebe mit sich bringt. Erkennt die Schaltung eine deutliche Mehrleistung versetzt das ihr mächtiges Gehirn stark ins Grübeln. Es bedarf Geduld, bis so etwas behoben ist.

 

Doch die Mühen haben sich gelohnt, denn obwohl keiner die Führungsposition des SLR vorher ernsthaft in Frage gestellt hat und die Endgeschwindigkeit der Trumpf im Ärmel des Wagens war, ist er jetzt sogar noch schneller. Und obwohl der Heckflügel nun deutlich mehr Abtrieb erzeugt, tobt der SLR nur so durch die Gänge um am Ende bei einer Topspeed von 348 km/h anzukommen. Hamann gelang es, dass sich das Biest jetzt in 3er Zeiten von null auf 96,56 km/h (60 mph, bzw. 3,6 Sekunden von null auf 100 km/h) heiser schreit. Das ist eine Verbesserung um 0,2 Sekunden. Und das alles geschieht spielerisch, durch ein legeres Senken des rechten Fußes und unter einer Menge Lärm.

 

Sich an der Schockstarre der Einheimischen labend, stürmt der SLR die 100 km/h Marke in gefühlter Nullzeit. Bei höheren Geschwindigkeiten auf unser Teststrecke – einer welligen Landstraße – trübte der unangenehm teure Klang von Reifen, die sich mit den Kohlefaser-Radhäusern treffen ein wenig meinen Enthusiasmus. Das Fahrzeug liegt dennoch wie angewachsen auf der Straße und zwar in einer Art und Weise, mit der das Serienfahrzeug nicht mithalten kann.

 

Das Serienauto ist wunderbar abgestimmt, sogar komfortabel und wie jeder Oberklasse-Mercedes befähigt der SLR fast jeden Amateurfahrer, beinahe wahnwitzige Kurvengeschwindigkeiten zu erreichen. Der Hamann Volcano liefert sogar noch mehr Abtrieb, auch an der Front, und wahrscheinlich besteht mit ihm auch die Wahrscheinlichkeit, das Heck zum Ausbrechen zu bewegen – wenn man die "Cojones" und die entsprechende Versicherungspolice mitbringt.

 

Dieser SLR hat ein sehr einnehmendes Wesen und verströmt auch eine leichte Unruhe, vielleicht eine Konsequenz der neuen Hankook S1 Evo Bereifung, die die hinteren 21 Zoll Hamann Rennfelgen umhüllt. Wie viel der verbesserten Fahrzeugperformance diesem 8.000 Euro teuren Radsatz zugeschrieben werden muss, kann wohl nur ein Rennstreckentest klären. Die originalen Turbinenräder sehen im Vergleich zu Hamanns eleganten schwarzen Felgen auf jeden Fall beinahe globig aus, wie schwere Arbeitsschuhe an einem Supermodell. Und die Optik ist es, um die es letztendlich geht.

 

Dieser Wagen mag optische Anleihen des 722 GT haben, aber er bleibt doch ein Straßenwagen durch und durch. Es gibt eine Menge, was Hamann mit dem Wagen anstellen kann. Die dem SLR eigenen, unabänderlichen Kompromisse in Bezug auf Komfort und Praktikabilität, sein Automatikgetriebe und der reichliche Platz für Golfschläger bedeuten, dass der Wagen nie wirklich in direkten Vergleich mit einem Porsche Carrera GT oder Ferrari Enzo treten kann. Keine PS-Zahl dieser Welt kann die grundlegenden Tatsachen verschleiern. Der SLR ist ein wahnsinnig schneller GT, im Gegensatz zu anderen Hypercars, die hier und dort angeboten werden. Und er wird von märchenhaft reichen Leuten durch märchenhaft schöne Landschaften gefahren – meistens in sehr beschaulichem Tempo.

 

Obwohl der Hamann nicht nur bellt, sondern auch zubeißen kann, ist er in erster Linie dafür auf der Welt, um betrachtet, angestarrt und wahrscheinlich auch das eine oder andere Mal besabbert zu werden. Trotz der sportlichen Vorgaben sollten die Annehmlichkeiten im Innenraum erhalten bleiben. Also nahm sich Hamann des leidigen Plastiks am Armaturenbrett an, das den SLR einige Bewunderer kostet und kleidete das gesamte Interieur in Kohlefaser und rotes Alcantara. Das Ergebnis ist ein Wagen, der innen edel genug aussieht um das Preisschild, das ihm anhängt, zu rechtfertigen und den Fahrer jedes Mal, wenn er sich hinters Steuer klemmt, zu verwöhnen. Der Schwarz/Rot-Kontrast geht in Ordnung, man kann die Ausstattung und Anpassung auch individuell mit Hamann abstimmen. Bei derart wenigen Wahlmöglichkeiten, wie sie McLaren Mercedes seinen Kunden vorschreibt, werden die Superreichen sehr erfreut sein zu hören, dass ihre Herzenswünsche nun in Erfüllung gehen – zu einem angemessenen Preis, versteht sich.

 

Sich mit einem Supercar anzulegen, egal mit welchem, kann leicht in einer Katastrophe enden. Doch Hamann hat mit dem Volcano alles absolut richtig angepackt, bringt der doch den GT Look und genügend optische Präsenz mit sich, um eine ganze Stadt lahmzulegen. Immer begleitet vom infernalischen Getöse, das  allein diesen SLR schon zu etwas Überwältigendem macht.

 

Originaltext + Fotos: Nick Hall

Übersetzung: S. Alisch

 

 

Technik:

 

  • Preis: 470.850 Euro (netto)
  • Motor: V8 Kompressor mit neu programmiertem Steuergerät, eigens entwickelte Hochleistungsabgaskrümmer, geänderte Riemenscheiben-Kombination für Serien-Kompressor
  • Leistung: Leistungssteigerung bis auf 700 PS / 515 kW max. Drehmoment von 830 Nm bei 3.300 Umdrehungen/Minute
  • Beschleunigung: (0-100 km/h): 3,6 Sekunden
  • Höchstgeschwindigkeit: 348 km/h